Geiz ist ungesund

Gestern Abend waren wir Döner essen. Der Dönerladen hatte eine Art aufgemotzte "Herkunftsurkunde" für das Fleisch vor dem Tresen hängen. Als ich das sah, musste ich lachen und habe gesagt: "Sie können das Wort Gammelfleisch bestimmt nicht mehr hören ..." Döner-Man: "Ja, wir haben das hier freiwillig aufgehangen, um die Gespräche zu diesem Thema etwas zu reduzieren." Und dann begann mit dem Döner-Man und einem der anwesenden Chefs (ein Grieche) ein lockeres Gespräch über Gammelfleisch und vor allem um Konsumverhalten. Die Quintessenz war: Wir sind in einem Preiskampf. "Qualität"? Nein, nur auf den Preis kommt es an. So ein Schwachsinn, sagte ich. Die Leute wollen doch gutes Fleisch essen und dafür bezahlen sie auch. Nix da, denkste. Die bezahlen nicht. Die wollen ihren Döner für 2,50. Ich sagte: Ich würde für den Döner auch 10 Euros zahlen, wenn er nur endlich so schmecken würde, wie in der Türkei. Der Chef sagte: "Mein Partner denkt darüber nach, ob er den Döner nächstes Jahr 50 cent teurer macht, wegen der 19% MwSt-Erhöhung. Aber er hat Angst, dass ihm dieser Preis das Genick bricht." Jo, "König Kunde" würde wegen 50 cent zum noch billigeren Konkurrenten laufen. Das deckt sich mit den Aussagen aus dem Buch "König Kunde ruiniert sein Land" von Bernhard Pötter (kann ich sehr empfehlen). Die Hauptaussage darin ist, dass der deutsche Konsument zwar vollmundig vespricht auf Qualität, Nachhaltigkeit und die Umwelt zu achten, wenn man ihm einen Fragebogen oder ein Mikrofon vor die Fresse hält, beim realen Einkauf aber letzten Endes nur auf den Preis schaut. Beispiel: Vor Jahren sagten Verbraucher, dass sie auch Windenergie nutzen würden, wenn sie zur Verfügung stände. Jetzt gibt es mehr Windenergie auf dem Markt, als Nachfrage da ist und in naher Zukunft wird es deshalb kaum noch (oder zu wenig) Anbieter für Windenergie geben. In Berlin tobt der härteste Preiskampf unter den Döner-Men. Für 1,50 soll es da schon was auf die Hand geben. Unser (ostfriesische) Döner-Man dazu: "Ja, was meinst du, kriegst du für 1,50? Hochwertiges Fleisch? Das ist zu 80% nur Paniermehl." Die Gefahr lautet also nicht immer "Gammelfleisch". Für mich deckt sich das derzeitige Verteufeln der Fleischanbieter keinefalls mit dem Anspruch, den "aufgeweckte Konsumenten" verbal oder in Marktforschungsinterviews zu Tage bringen. Dem Argument, die Leute hätten immer weniger in der Tasche, glaube ich nicht. Weniger als in den (vollen und reichen) 70'er und 80'er-Jahren vielleicht, ja. Aber nicht so wenig, dass Deutschland nicht als reiches Land gelten würde. Es ist genug Geld für aktuelle PKW-Modelle, Markenklamotten und regelmäßigen Urlaub drin ... da soll es für das Essen nicht reichen? Es ist einfach nur Dummheit. Oder das Setzen von falschen Prioritäten. Der aufgeklärte Mensch von Heute weis, dass in einem System, in dem es nur um den Preis geht, die Qualität auf der Strecke bleibt. Also was soll das ganze Theater auf einmal? In diesem Markt haben Lebensmittelhersteller, die auf Qualität setzen, einfach keine Chance. Die logische Folge ist Gammelfleisch oder Fleisch mit zuviel Antibiotika. Da sollen bessere Kontrollen etwas ändern? Wie naiv. Qualitätsanspruch könnte die Lage langfristig ändern, aber dazu sind wir ja zu geil geizig.
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Comments

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    gerald: wie wahr das alles. dieses geiz ist geil macht uns noch die ganze klein-wirtschaft kaputt. tante emma hat es schon lange zerlegt, den klamotten oder lebensmittelladen um die ecke rafft es als nächstes hin und weg und post+banken kennen bald nur noch automaten und keinen service mehr. und wenn wir das alles geschafft haben, dann ist der rest nur noch zum heulen.

  2. 2

    Matthias: Schade, dass ich auf diesen Artikel nicht verlinken kann. Er zeigt sehr schön dass auf, was ich schon immer wusste. Wir Deutschen sind in einigen Dingen einfach nur geizig. Sogar ob wir damit unsere Gesundheit schädigen scheint uns egal zu sein.

    Ich war zwar noch nie in der Türkei und kann daher die Döner nicht miteinander vergleichen, wäre aber durchaus bereit, für meinen Döner das Doppelte zu zahlen. Ich lege nämlich im Gegensatz zu vielen meiner Landsleute großen Wert auf Sauberkeit und Qualität. Mich könnte man z. B. nie über den Preis ködern, wenn der Laden dafür den Eindruck machen würde, als hätte er seit Wochen keinen Schrubber oder kein Putztuch mehr gesehen. Für diese Qualität und Sauberkeit bin ich aber auch bereit, den Preis zu zahlen.

    Mein Stamm-Döner-Dealer verlangt für seinen Döner übrigens 3 EUR und ich weiß, dass er seinen Preis wert ist. Ein Garant dafür ist die große, offene und sehr saubere Küche, in der er hergestellt und zubereitet wird. Wer nichts zu verbergen hat, der verbirgt auch nichts.

  3. 3

    alp: Schade, dass ich auf diesen Artikel nicht verlinken kann.

    Kein Problem, hab diesen Artikel jetzt öffentlich gemacht. Für meine Leser tue ich doch fast alles ;-)

  4. 4

    Matthias: Und schon verlinkt. Vielen Dank!

  5. 5

    teuchtlurm: Du hast recht, was es mit der Geiz-und-seine-Folgen-Mentalität auf sich hat. Allerdings was das Geld angeht: Ich bin Hartz-IV-Empfänger und weiß wie es ist, wenn du häufiger einfach zum Einkauf bei Discountern gezwungen wirst weil es anders nicht mehr geht! Das Problem ist also noch wesentlich komplexer.

    Der Teuchtlurm

  6. 6

    fwolf: Was oft auch hilft: Einfach mal das (Bundes)Land wechseln. Seitdem ich hier in BaWü bin, kann ich mir bedeutend mehr leisten als vorher.

    Hier kommt man auch mit 800 Tacken im Monat nicht nur über die Runden, sondern kann gut leben damit. In Bayern wär das undenkbar (ausgenommen, man haust im letzten Loch und spart an allen Ecken und Enden).

    cu, w0lf.

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